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Millions of Dead Cops (Mai 2007) 

Ernsthaft jetzt. Wo ist der Hardcore? Stephan Skrobar hat ihn nicht aus den Augen verloren. Erster Teil: MDC in Wien. Ein Livebericht und der Beginn einer unregelmäßigen Serie über Hardcore Punkrock.

 

Eine Blumenwiese im Frühling, Schäfchenwolken am Himmel und ein lauer Nachmittagswind. Spielende Kinder und von der Frühjahrsmüdigkeit halbgeschlossene Augen. Es riecht nach frischgepflücktem Spritzwein...und dann knüppelt dich, gänzlich ohne Vorwarnung und vorrangig in schwarz gekleidet, ein donnernder Frachtzug mit ziemlich gnadenloser Geschwindigkeit nieder und räumt dir die depperten Frühlingsgedanken aus dem Kopf.

So ungefähr fühlt sich Punkrock, Unterabteilung Hardcore an.

In ein paar Miniaturen soll dieser prächtigen Subkultur anhand von Beispielen näher gerückt werden. In keinster Weise sind diese Ausführungen als allgemein gültig zu betrachten; sie sind nicht mehr und nicht weniger als eine deskriptive Aufarbeitung einzelner Bands, Personen und Strömungen. Ein paar Ausschnitte von einem Stück Musikgeschichte.

Der Inhalt unserer ersten Miniatur beginnt Ende der 70er. Zu einem Zeitpunkt, als unser ehemaliger Finanzminister noch seinen Schäferhund gestreichelt hat, schrieb Dave Dictor anlässlich des Ablebens eines berühmten Hollywoodschauspielers den Klassiker „John Wayne Was a Nazi“. Seine (Dictors, nicht Waynes) Band Millions of Dead Cops (MDC, vormals Stains) gibt es seit 1979. Zu dieser Zeit kam HC in Nordamerika als eine Art Bastard des UK Punkrocks und des US Glamrocks auf. Gerne und vollkommen zu Recht wird hier auf die Germs und Darby Crash verwiesen, die mit Glamattitüde erstmals lupenreinen HC abgeliefert haben. Hörempfehlung Eins: The Germs – Lexicon Devil Dazu ein ander Mal, zurück zu MDC. Unschwer lässt sich aus dem Namen ihre, sagen wir mal vorsichtig, „kritische“ Einstellung zur Exekutive herauslesen. Songtitel wie „No More Cops“, „Dead Cops (I und II)“ sind da auch nicht wirklich zweideutig. In der in ganz Nordamerika aufkommenden Hardcore Szene zu Beginn der Achtziger Jahre galten MDC als politisch radikaler als ihre Kollegen. Das Akronym MDC liest sich wie ein Handbuch für den Neoanarchisten: Abgesehen vom Million of Dead Cops auch Multi-Death Corporation, Millions of Dead Children, Male Dominated Culture, Magnus Dominus Corpus. Liste nicht vollständig.

Knapp dreißig Jahre später steht Dictor als - heute wie damals - Sänger von MDC auf der Bühne im Wiener Tüwi und macht seine Sache als personifizierte Hardcorelegende verdammt gut. Im Vergleich zu Dictor sieht sein nur unwesentlich älterer Berufskollege Herr Pop Iggy aus, wie der jüngsten „Dove“ Werbung entsprungen. Und der ist ja auch keine Knabe, der sich das... räusper... „Wellness“ auf die Fahnen geheftet hat. Doch die Energie ist die alte, die Wut auf alles was Gott zugelassen hat (Religion, Staat, Rassismus) lodert ebenfalls noch fröhlich vor sich hin, auch wenn sich ein verschmitztes, altersbedingtes Schmunzeln ins Ackergesicht von Dave Dictor gelegt hat.

Das Konzert selbst war genauso wie man sich ein HC Konzert wünscht: Überschaubares Publikum, allesamt in Kleidung, die bei Tageslicht im öffentlichen Verkehr Blicke auf sich zieht. (In anderen Worten: rund 60 Leute, zerrissenes G’wand). Die ganz bösen Barackca aus Ungarn als Vorgruppe, die ebenfalls das Anprangern in den Mittelpunkt ihres Werkens gestellt haben. Zwar klappt es musikalisch nicht immer so, das macht aber in diesem Genre nix. Und soll es vor allem nicht. MDC haben dann das Tüwi in einen Endbahnhof verwandelt, in den sie Frachtzuggleich ohne Stehen bleiben eingefahren sind. Bist du deppert. In nicht einmal einer Stunde haben sie gefühlte achthundert Lieder gespielt (großartig: „Going Nowhere Fast“, „Chicken Squawk“) und das Publikum mit einer neuen Frisur rechtzeitig zum letzten Bus entlassen. Herr Dictor hat, und das soll jetzt einmal ganz objektiv betrachtet werden, eine nicht uninteressante Lebensgeschichte, jedenfalls bis jetzt einmal. Der Weg schlängelt sich durch das wirre Unterlaub des Hardcores und knabberte jahrelang am Drogenbaum - und zwar hart - bis er auf die Lichtung der akademischen Weiterbildung ankommt. Dave ist außer böser HC Bube auch lizenzierter und mit Master’s Degree ausgezeichneter„special education“ Lehrer. Da schaut der Punk, und der Rocker wundert sich. Ganz und gar nicht unschnell waren auch die Herren an den Instrumenten, allen voran X-Con Ron an der Gitarre. Hörempfehlung Zwei: The Stains – John Wayne Was a Nazi

Im nächsten Text soll das Thema Hardcore Punkrock anlässlich der längst überfälligen Österreichpremiere des Films „American Hardcore“ allgemeiner betrachtet werden. Dann fallen endlich Namen wie Black Flag, Minor Threat, Dead Kennedys, Hüsker Dü und dergleichen - wohlwissend, dass diese Liste an erwähnenswerten Gruppen nie vollständig genug sein kann. Der Autor dieser Zeilen hat den Film im Übrigen auch noch nicht gesehen, schon aber das ganz OK-ige Buch von Steven Blush gelesen. Und noch ein Summen im Ohr vom gestrigen MDC Konzert. Danke Dave.

 

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Creatix Kommunikationsagentur Rumler Skrobar