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Eisvögel bauen nicht nur Nester (2005)


Architektur hat ihren eigenen Raum, in Wien, im 6. Bezirk, in der Eisvogelgasse. Junge Architekten und Innen vereinen sich dort unter dem Namen eisvogel. zu Aufsehen erregenden Projekten.


Was entwickelt sich aus der Einsicht, daß Architektur an einem künstlerischen Anspruch nicht vorbeikommt?
Daß sich junge Architekten nur zögernd zu dem Bekenntnis durchringen können, doch auch Künstler zu sein, wenngleich die Architektur, möglicherweise anders als andere kunstschaffende Bereiche, stärker von außen gesteuert ist? Daß ebensolche junge Architekten erfrischend motiviert versuchen, den hehren Anspruch ihrer Wissenschaft (der Architektur nämlich) zu erfüllen und bei der Beschreibung ihrer Projekte nicht selten zu Metaphern greifen, bis daß die Augen leuchten?
Diese Fragen und noch mehr kamen anläßlich eines Besuches bei den Eisvögeln auf.
Beziehungsweise dem eisvogel. Raum für Architektur im 6. Wiener Gemeindebezirk:Dort residiert seit bald fünf Jahren ein Architekten-und Designerkollektiv, das sich während seines Studiums wegen genereller Raumnot gefunden hat. Man tat sich zusammen, zunächst zu zehnt, jetzt sind es schon 18, um den gemeinsamen Background Architekturstudium als Basis für gemeinsame Tätigkeiten herzunehmen. Nach Wochen der Namenssuche wurde die Plattform "eisvogel." genannt. Namensgeber ist die Eisvogelgasse, wo sich der Raum/das Gassenlokal befindet. Ums Eck ist übrigens die Hornbostelgasse, die wäre als Pate nicht in Frage gekommen.

eisvogel. steht auf drei Füssen

Es sind generell Tätigkeiten und nicht nur künstlerische Arbeit, die der eisvogel. als Verein organisiert. eisvogel. ist eine "Plattform,
die auf drei Säulen steht", informiert Markus Zilker (eisvogel.-mann der ersten Stunde):
Säule eins, der Verein, organisiert Diskussionen, Exkursionen und Feste. Säule zwei wird "Lebenskultur" genannt und beschäftigt sich mit dem guten Leben, der freundschaftlichen Atmosphäre im eisvogel., dem gemeinsamen Kochen. Und Säule drei die Arbeit, die gemeinsamen und eigenen Projekte.
Katharina Bayer (eisvogel.-frau der ersten Stunde) sieht diese drei Säulen im Gesamtkonstrukt eisvogel. gleich gewichtet, wenn sie auch einräumt, daß jedes Mitglied aufgrund der individuellen Lebenssituationen unterschiedliche und sich stets ändernde Prioritäten hat. eisvogel. ist die Basis, das Nest.

Die Projekte

Jetzt aber zum Konkreten, denn auch das harmonischste Künstlerkollektiv wird am Output gemessen.
Begonnen hat der eisvogel. gleich mit einem erstens erfolgreichen, zweitens öffentlichkeitswirksamen und drittens absolut herzeigbaren Projekt, der Planung des One Smart Space (Planungsbeginn 2002, Fertigstellung 2003) für den namensbegebenden Mobilfunkanbieter. "In einem Dachboden im ersten Wiener Gemeindebezirk wollte eisvogel. einen offenen, lebensfrohen, zukunftsträchtigen Raum schaffen. Einen Ort mit starken haptischen und visuellen Qualitäten." (Text eisvogel.)
Florian Pollack, Unternehmenssprecher bei One, bestätigt das:"Die eisvögel. waren die einzigen, die diese Wohnung nicht in kleine Zimmer unterteilt haben. Der Raum funktioniert hervorragend und ist außerdem wunderschön."

Danach kamen die Aufträge, die mit weniger Publizität verbunden waren, die aber, in ihrer Herausforderung, qualitativ ebenso hochwertig sind. Projekte für Privatkunden, die Gestaltung großzügiger Wohnräume unter Dach, die den Anspruch veränderbarer Offenheit erfüllen müssen. Oder der Entwurf eines Irrgartens am Beginn des Nationalparks in der Schallau/Reichraming (Oberösterreich), in dem sich durch geworfene Holzstäbe (!) eine "Netzstruktur generiert".

Was ist jetzt mit der Kunst?

Solche Aufgaben sind nach dem Geschmack von eisvogel.
Stefan Jirsa, ja, klar - ein eisvogel, wünscht sich Kunden "mit speziellen Wünschen und viel Geld". Erstaunlicherweise meint er das nicht ernst, sondern relativiert sofort, daß die planungstechnische Herausforderung im Vordergrund steht und ein zu großes Budget durchaus bedrückend sein könnte.
Zustimmendes Nicken der anderen anwesenden eisvögel, und man kommt zurück zum künstlerischen Wert der Architektur. Grundsätzlich gilt, daß "Architektur schon auch Kunst ist" (Zilker), andererseits "kann man die Architektur nicht auf die Kunst reduzieren." (Jirsa). Einig ist man sich darin, daß die Architektur eben stark von außen gesteuert wird, sodaß eigene Vorstellungen manchmal den Umständen geopfert werden müssen. Und das würde sie von den "anderen Künstlern" unterscheiden, so Bayer.
Und was wären jetzt so die Wunschaufträge? "Ein Bordell planen!" sagt Zilker, und der Mann schafft es tatsächlich, verschmitzt zu grinsen. Absoluter Wunschauftraggeber wäre allerdings die ASFINAG (die hiermit in diesem Artikel erwähnt wäre), denn eine gewisse Leidenschaft für den Autobahnbau läßt sich nicht verbergen. Nicht weil man einfach gerade und lange etwas in die Landschaft betoniert, sondern weil es hier um das Erleben des Raumes in Bewegung geht, das ist wie eine Filmsequenz, sagt er. Und das wäre sicherlich einmal ein sehr interessantes Projekt.

Der Raum ist das Nest

Viel spielt sich für die eisvögel im Ort eisvogel. ab. Der Raum (für Architektur) wirkt identitätsstiftend (No na ned, wenn man sich nach dem Straßennamen benennt) und wird in Weiterführung des ornithologischen Themas auch gern "das Nest" genannt. Dort wird dann regelmäßig auf den Doka-Plattentischen gefeiert - und die kulturellen Erfahrungen der Auslandsjahre werden ausgetauscht; man diskutiert über Wesensfindung, künstlerischen oder kulturellen Anspruch der Architektur und das Erwachsenwerdens des eisvogels diskutiert. Da sollte man wirklich einmal hinschauen.

 


 

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